Siegen - Rijeka DNF


Ein etwas ausführlicherer „Leidens“- Bericht von der Spendentour 2014.

 

Wir haben Samstag den 12.07. Meine Ernährung ist an diesem Tag, einen Tag vor dem Start schon auf Flüssignahrung umgestellt. Ich packe das Begleitfahrzeug mit allem, was ich und meine Betreuer für 2 Tage brauchen. Anschließend habe ich versucht ein wenig zu Ruhe zu kommen und mich gedanklich auf den Start und auf die Fahrt vorzubereiten. Als am Sonntag den 13.07 um 5 Uhr der Wecker klingelt, wusste ich, dass es nun soweit ist. Nur noch eine Stunde bis zu dem Moment auf den ich ein Jahr hingearbeitet habe. Mit ging noch einmal meine nicht 100%ige Leistungsfähigkeit durch den Kopf und ich hoffte einfach darauf, dass der Spaß an der Aktion dieses Manko kompensiert. Als ich dann um 5.30 Uhr am Krönchen schon ein paar Leute antraf und es auch bis zum Start immer mehr wurden, wurde mir klar: „Diese Spendentour zu planen und nun am Start zu stehen ist genau das richtige gewesen und so viele Menschen sind davon begeistert und fiebern mit mir. Genial!“

 

Noch schnell ein paar Fotos geschossen und pünktlich mit dem läuten der Glocken der Nikolaikirche (dem Krönchen) fuhr ich um 6 Uhr los, 1050 Kilometer bis nach Rijeka lagen nun vor mir. Achja am Start war es sogar trocken, doch dies war nach 12 Kilometern schon vorbei. In Wilnsdorf war alles nass und der Himmel mit Wolken verhangen. Der Anstieg zur Kalteiche in einem grauen Dunst vor mir und so ging es den ersten Berg hinauf. Am Wetter sollte sich erst einmal nicht ändern und die Menge an Regenwasser von oben sollte sogar noch mehr werden. Nachdem ich selber die Hoffnung auf Besserung aufgegeben hatte zog ich mir in Sinn nach 50 km Regensachen an und bereitete mich auf eine Wasserschlacht vor :)
Zu dem schlechten Wetter kam, dass ich die letzten vier manchmal fünf Gänge am Rennrad nicht ansteuern konnte. Mehrere versuche diesen Defekt zu beheben scheiterten und ich dachte auch schon genau an dieses Wort: „SCHEITERN?!“ Dazu kam, dass das Live-Tracking nicht so recht funktionieren wollte, genauso wie die Navigation im Begleitwagen. Alles, was lange vorher getestet wurde, sie es Rad, Tracking oder Navigation wollten nicht richtig funktionieren, wodurch es mir immer schwerer fiel wieder Spaß am Rad zu finden. Die Motivation ging schon gegen Null, doch meine beiden Betreuer versuchten mir alles andere so angenehm wie möglich zu machen, sodass die Ernährung perfekt lief und das ein oder andere aufmunternde Wort mich wieder ein wenig motiviert, trotz aller Probleme, weiterzufahren. Doch leider kostete der Defekt am Rad auch Zeit da ich nur bis zu einem gewissen Tempo mit trampeln konnte, danach fehlten die Gänge, sodass die Flachen Passagen bis Gießen und in den leichten Abfahrten zwischen Gießen und dem Spessart letztlich nicht mit voller Konsequenz gefahren werden konnten. Im Spessart angekommen war es dann wieder trockener, das Radproblem war auf einmal weg, doch kam hier ein weiteres Problem dazu, welches kurz vorher auch schon einmal kurz da war. Nämlich ein großer Leistungsabfall mit einem Gefühl der Leere im ganzen Körper. Dieses zwang mich nach 200 km zu einer Pause von 20 min, in denen ich schlief. Alles vollkommen unplanmäßig. In der Zeit wo ich schlief kam noch ein Gewitter immer näher, ich fuhr nach der Pause noch 10 km weiter doch dann war das Gewitter direkt vor und über uns. Blitz, Donner und starker Regen zwangen mich ins Auto einzusteigen. Wir entschieden mit dem Auto ein Stück zu fahren, bis sich alles wieder beruhigt hat. So kam es dann ich 40 km im Auto saß und erst kurz hinter Würzburg weiterfahren konnte. (Durch eine Tankpause und eine sehr langsame Fahrweise waren wir kaum schneller als ich mit dem Rad gewesen wäre) Ab dann lief es erst einmal ganz in Ordnung, es war trocken, das Rad fuhr gut, ich fühlte mich auch ganz gut, nur der Wind, welcher schon vorher gegen mich war, nun noch ein wenig stärker wurde. Aber ich fand irgendwann den Spaß wieder und dadurch, dass auch bald die Straßen leerer wurden, da jeder das WM-Finale schaute konnte ich in aller Ruhe knapp 150 km mit 30 km/h im Schnitt bis Eichstätt durchfahren. Doch dann machte uns ein Gewitter wieder zu schaffen und in anbetracht dessen, dass es mir nur noch ums „Ankommen“ ging und wir nichts riskieren wollten entschieden wir uns wieder ein Stück mit dem Auto zurückzulegen. Erst einmal bis zu einer, jedem bekannten, Filiale einer großen Fastfood Kette mit dem „M“ in Ingolstadt. Während dieser Pause hofften wir, dass das Gewitter schnell weiter zieht, doch dies wollte nicht so recht geschehen, das Regenradar zeigte aber, dass kurz unterhalb von Ingolstadt nicht mehr sein sollte. Daher fuhren wir noch ein kurzes Stück weiter im Auto, nebenbei bekamen wir das Tor von Götze mit und das Deutschland Weltmeister ist. Doch dies war nur eine kleine Randgeschichte für mich und meine Betreuer. Um 0:06 Uhr ging es dann in Pörnbach, 60 km vor München weiter. Nebenbei: Die Problemkette wollte einfach nicht enden…mein Rücklicht hatte ein Wackelkontakt…, aber da das Begleitauto immer hinter mir war in der Nacht war dies kein großes Problem, auch nicht für die Polizei in München. Doch was mich in dieser Stadt erwartete, damit habe ich nicht gerechnet, Als ich mich dem Stadtkern näherte wurden die Menschenmassen am Straßenrand immer größer und plötzlich eine Straßenspeere. Meine Route konnte ich nicht befahren, da durch das Public Viewing die B13 gesperrt wurde. Wir haben uns dann durch die feiernden Fans und Nebenstraßen gekämpft. 5 km haben über eine Stunde gekostet und dies zehrte enorm an meinen Nerven. Nachdem dies überstanden war und wir uns von München in Richtung Bayrischzell und Österreich bewegten erlebten wir das krasse Gegenteil, plötzlich vollkommene Ruhe. Nur ich, mein Rad im Lichtkegel des Begleitfahrzeugs. Es ging auf kleinen Straßen Kilometer lang, leicht ansteigend, nur geradeaus und meine beiden Betreuer kämpften mit der Müdigkeit, welche dann aber in der Morgendämmerung mit ein paar Sonnenstrahlen verflogen war. Ein paar kurze saftige Anstiege noch bis Miesbach und schon konnte ich auch die Alpen sehen. Wir entschieden uns eine weitere Schlafpause einzulegen, diese viel zwar lang aus, war aber dennoch fast so geplant. Als ich wach wurde und die Sonne schien ging alles ganz schnell, wieder fertig machen fürs Rad und weiter in Richtung Österreich. Dafür, dass eigentlich Regen vorhergesagt war und nun doch die Sonne schien war ich sehr dankbar und so ging es voll motiviert weiter. Die ersten längeren Ansteige ließen auch nicht lange auf sich warten. Zwar nicht steil aber elendig lang und, wie ich finde, eklig zu fahren. Aber ich wollte dem Ziel näher kommen. Daher gab’s für mich nur eine Option: treten, treten, treten. Bei anhaltendem trockenem Wetter, jedoch immer noch bei starkem Gegenwind und einem Wiedereintritt von diesem komischen Leere-Gefühl und kurzzeitigem Leistungseinbruch, ging es für mich über Hochfilzen in Richtung Zell am See. Ich war sogar immer noch unter den Hochrechnungen für eine Zeit von 48 Stunden, trotz der ganzen Probleme. Daher entschied ich mich für eine weitere Pause am Zeller See, denn es ging wie gesagt nur noch ums durchkommen und eigentlich um keine Zeit mehr. Bei einer Dose Ravioli am See schauten wir in Richtung dem Tal in dem die Straße hinauf zum Hochtor lag. Die Berge lagen in den Wolken, aber ich wollte unbedingt dort hoch. Nach der Pause führte mich die Strecke über Bruck und Fusch zur Mautstation Ferleiten, wo der Anstieg zum Hochtor erst richtig beginnt. Der Weg bis dahin lief besonders gut und ich fühlte mich fit für den Aufstieg, welcher durch die Strapazen zwar schwer, aber dennoch sehr schön war. Meine Betreuer gaben alles, um mich den Berg hoch zu bekommen und auf über 2100 Meter machte ich eine kurze Pause, bevor ich die letzten 400 Höhenmeter in Angriff nahm. In dieser Höhe merkte ich zum ersten mal, dass die Luft dort wirklich dünner ist. Nach einer kurzen Abfahrt vom Fuschertörl weiter in Richtung Hochtor trübte einsetzender Regen kurz mal wieder die Laune, aber ich war glücklich als ich auf der Passhöhe angekommen war, nach ca. 2 Stunden nur bergauf. Auf 2504 Meter über dem Meer und nur mehr 7 Grad Celsius machten wir noch schnell ein paar Bilder bevor es dann direkt in die Nasse, kalte und, durch die Bedingungen, schwierige Abfahrt bis Winklern ging, wo ein direkter Gegenanstieg auf mich wartete, der Iselsbergpass. Zwar nur knapp 300 Höhenmeter musste ich bewältigen, doch ich kam an meine Grenzen und war froh als ich in die Abfahrt gehen konnte. Auf diese folgten ein Flachstück bis Oberdrauburg und dann sofort der nächste „kleine“ Anstieg von 350 Meter hinauf auf den Gailbeisattel. Auch dieser war, wie zuvor der Iselsbergpass, nicht allzu schwer, doch mit den ganzen Kilometern in den Beinen kam ich auch dort wieder an meine Grenzen und ich wusste: Da kommt noch ein Pass, der Plöckenpass, zur Italienischen Grenze. Nach einer kurzen Abfahrt vom Gailbergsattel war ich auch schon in der letzten Steigung, nach der die Alpen überstanden gewesen wären. Doch der Plöckenpass verlangte mir schon am Anfang alles ab, zwar kam auch ein kurzes Stück zur „Erholung“ zwischendurch mit leichtem Gefälle bei sehr, sehr schlechten Straßen, wodurch der Erholungs-Effekt aber nicht eintrat. Danach wurde es dann richtig Steil, wie gesagt war es immer noch am regnen, die Landschaft lag in einen Grau da und es wurde langsam dunkel. Sowohl körperliche Verfassung, als auch mein Kopf kämpften gegen das Elend an, dass dieser Berg langsam vorbei ist, doch ca. 4 km und 300 Höhenmeter vor der Passhöhe passierte das, was ich nie erleben wollte….meine Beine schafften die Kurbelumdrehung, trotz Wiegetritt nicht. Ich klickte ein Schuh aus dem Pedal aus, zog die Bremsen, damit ich nicht nach hinten wegrollte und blieb mitten auf der Straße stehen. Mein Begleitwagen war 50 Meter vor mir und blieb ebenfalls stehen. Ich war völlig Fertig, schaute nach unten, auf meine Beine und dann rollten auch schon meine Betreuer um Auto zurück zu mir. Ich sagte ihnen, dass nicht mehr ging und ich musste ins Auto einsteigen. In den 4 km zur Passhöhe wollte ich nicht wahr haben, was geschehen war, aber im Auto baute ich vollkommen ab und oben angekommen bekam ich Schüttelfrost und ich fühlte mich wie Nichts. Meine Betreuer frugen mich, ob es weiter geht, aber sie sahen auch, dass in diesem Moment nichts mehr ging. Ich schlief, wie lange weiß ich nicht. Als ich wach wurde war es schon dunkel und inzwischen noch kälter geworden, mein Zustand war nicht besser sondern eher schlechter geworden. Sprechen war enorm schwer, ich lallte mehr als alles andere. Ich versuchte klare Gedanken zu fassen, und zu entscheiden wie es weiter gehen sollte. Nach langer Zeit entschied ich im „Gespräch“ mit meinen beiden Betreuern, dass die Tour für mich an dieser Stelle nach ca. 830 Kilometern, davon 750 gefahrenen Kilometern, vorbei ist. Keine Schmerzen waren der Grund für den Abbruch, auch die Ernährung lief tadellos. Keine Kraft und am Ende ein gebrochener Wille waren der Grund, wieso es nicht mehr weiter ging. Es war das Ende der Tour, welches ich vermeiden wollte. Es folgten noch im Auto, während ich döste, eine kleine Sinnkreise, wieso ich das alles mache und ob der Sport der richtige ist. Aber viele Aufmunternde Worte zogen mich aus diesem Tief wieder heraus. Ich war auch Stunden nach dem Abbruch immer noch am Ende und fühlte mich leer. Ich machte mir, bevor ich tief und fest einschlief und es dem wohlverdienten Urlaub für mich und meine Betreuer entgegen ging, nur noch Gedanken um die nicht gefahrenen Kilometer und ob die Menschen dennoch für die Aktion spenden.

 

2 Wochen später weiß ich, dass jeder seine Spende beibehält und der Zuspruch für die Aktion und die ganzen aufbauenden Worte und die Anteilnahme lassen mich positiv auf die Tour zurückblicken und ich bin froh diese gemacht zu haben, denn ich möchte mit dem gespendeten Geld einen kleinen Teil dazu beitragen, dass der Äthiopien-Verein Hilfe zum Leben e. V. seine Projekte weiter fortsetzen kann und, dass es am Ende den Kindern in Äthiopien ein wenig besser geht und diese bessere Chancen haben im späteren Leben.

Daher ist für mich mein Fazit der Tour positiv, denn ich denke, dass die Leistung, trotz des nicht Erreichens des Ziels, gut war und die Spendentour ein voller Erfolg war.

 

Abschließend möchte ich allen Spendern, Sponsoren und Unterstützern der Tour und von mir danken. Ohne euch wäre dies alles nicht so gut bis verlaufen und die Tour möglicherweise schon viel früher vorbei gewesen. VIELEN DANK!

 

SIEGENIA-Gruppe. Mein Hauptsponsor, den ich am besten mit folgendem Wort beschreibe: Spitzenklasse! Vielen Dank!

debello

"all in eiweißreiche Trinknahrung"

owayo

www.opt-siegen.de

SQlab

Garmin

fahrradbiometrie.de

Winsole

Rudy Project

Radlabor und Lauflabor

Spedition Menn

 

--> Hier gehts zu allen Bildern und Videos der Tour: Bildergalerie -- Videos

 

--> Zurück zu den Erolgen <--